Jul 272012
 

Das Urteil des LG Köln und die Debatte

Nach dem Urteil des Kölner Landgerichtes, wonach die zwangsweise Beschneidung der Vorhaut des Gliedes eines Säuglings oder minderjährigen Jungen eine Körperverletzung darstelle, hat zu einer lebhaften Diskussion über die Zulässigkeit der zwangsweisen Beschneidung aus religiösen Gründen geführt.

Zum Urteil und zur Debatte

Für und wider die Beschneidung werden eine Vielzahl von Gründen wie Tradition, Religionsfreiheit, gesundheitliche und psychische Gründe, Recht auf körperliche Unversehrtheit usw. angeführt. Alle diese Argumente sollen hier jedoch keine Rolle spielen. Hier soll es nur in um die Frage gehen, welche Bedeutung der Beschneidung der Vorhaut des Gliedes in der Bibel zukommt. Dies als ein Beitrag zur Diskussion.

 

Beschneidung Christi  Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich; Wikimedia Commons / Helvetiker

 

Biblische Aspekte zur Beschneidung

– Die Beschneidung war im alten Vorderen Orient weit verbreitet. So wurde sie nicht nur bei den Israeliten (= Juden) praktiziert, sondern auch bei den Ägyptern, Edomitern, Ammonitern und Moabitern (vgl. Jer 9,24-25).

– Die Gründe für die Beschneidung sind unklar. Es kommen insbesondere rituelle, soziale  und gesundheitliche Gründe infrage.

– In Israel bekam die Beschneidung schon bald eine theologische Bedeutung: Die Beschneidung sollte das Volk Israel stets an den Bund mit seinem Gott erinnern (vgl. Gen 17,10-11). Sie wurde als ein Gebot Gottes verstanden. Diese theologische Bedeutung wird in der Diskussion als wesentliches Argument für die Notwendigkeit der Beschneidung angeführt und es wird auf Religionsfreiheit verwiesen.

– Das Gebot erging an Abraham, den Erzvater Israels, und an seine Nachkommen. Abraham kam dem Gebot nach und beschnitt sich, seinen Sohn Ismael und alle seine männlichen Sklaven (vgl. Gen 17,23).

– Die Beschneidung sollte schon bald nach der Geburt erfolgen, und zwar am achten Tag (vgl. Gen 17,12). Daran halten sich fromme Juden (= Israeliten) auch heute noch.

– Auch Jesus wurde am achten Tag beschnitten (vgl. Lk 2,21). Damit wurde das Gebot befolgt, was der Verfasser des Lukasevangeliums nicht weiter wertet.

– Weil dem besonderen Charakter des Volkes Israel als von Gott geheiligtes Volk große Bedeutung beigemessen wurde, wurde die Beschneidung als besonderes Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Nicht-Israeliten (Heiden) herangezogen. Die Unterscheidung war Ehre und Verpflichtung zugleich, weil mit der Unterscheidung die Notwendigkeit verbunden war, die in der Tora (= Weisung; fünf Bücher Mose des Alten Testaments) niedergeschriebenen Gebote Gottes zu halten.

– Die Unterscheidung konnte jedoch nur hinsichtlich der nicht-israelitischen Völker betont werden, die nicht beschnitten waren. Zu diesen Völkern gehörten die Philister. Weil die Philister ein Volk in der unmittelbaren Nachbarschaft des Volkes Israel waren und zudem immer wieder mit den Israeliten in Konflikt kamen, galten sie als die Unbeschnittenen schlechthin (vgl.Ri 14,3; 1 Sam 17,26 u. a.). „Unbeschnittener“ wurde als Schimpfwort gebraucht.

– Gen 34,24 macht deutlich, dass die Beschneidung in der Antike duchaus zu gesundheitlichen Problemen wie dem Wundfieber führen konnte.

– Angesichts sozialer Missstände kam die Forderung auf, dass es nicht beim rein formalen Befolgen der Geboten bleiben dürfe, sondern dass das ganze Handeln von den Geboten geprägt und sozial sein sollte. Die Israeliten sollten also die Gebote mit dem ganzen Herzen befolgen. So kam die Rede vom „beschnittenen Herz“ auf (vgl. Lev 26,41; Dtn 10,16).

– Dieser Gedanke wurde von dem Propheten Jeremia weitergeführt, der einen „neuen Bund“ ankündigte. Bei diesem Bund sollten nicht Rituale das Entscheidende sein, sondern Gott werde seine Weisung (Tora) in die Herzen der Israeliten geben (vgl. Jer 31,31-33). Die Kritik an rein äußerlichen Ritualen wird in der gegenwärtigen Debatte um die Beschneidung als wesentliches theologisches Argument für ein Verbot der zwangsweisen Beschneidung aus religiösen Gründen vorgebracht.

– Der Gedanke des „neuen Bundes“ wurde schließlich für das Christentum maßgeblich. Christen waren ursprünglich diejenigen Israeliten, die glaubten, dass Jesus der den Israeliten verheißene Messias (= Christus) sei. Der Glaube an den Messias blieb jedoch nicht auf Angehörige des Volkes Israel beschränkt, sondern wurde auch unter Nicht-Israeliten verbreitet. Der Glaube wurde als entscheidend dargestellt, nicht die Zugehörigkeit zum Volk Israel. So sah man diejenigen, die an Jesus Christus glaubten, als das wahre Volk Israel an.

– Mit der Ausbreitung des christlichen Glaubens unter den Nicht-Israeliten stellte sich die Frage, ob die zu Jesus Christus bekehrten Nicht-Israeliten sich beschneiden lassen müssen. Dies wurde nach einigen Diskussionen letztendlich verneint (vgl. Gal 2,1-10; Apg 15,1-29). Entscheidend war für die Christen nicht die Beschneidung der Vorhaut des Gliedes, sondern die „Beschneidung des Herzens“.

– Dieser Gedanke wurde von den Christen in einem engen Zusammenhang mit der Gabe des heiligen Geistes gesehen. Die Gabe des heiligen Geistes sah man wiederum in einem engen Zusammenhang mit der Taufe. Die Taufe galt schließlich als das entscheidende Ritual, mit dem die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen vollzogen wurde.

 

 

 

 

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