Mrz 222012
 


Vor einiger Zeit hat es mich für einen Zeitschriftenartikel nach Ravensburg verschlagen. Dort findet sich in der Spitalkapelle eine feine mittelalterliche Darstellung des Jüngsten Gerichts. Viele der dargestellten Elemente des Gerichts sind für die mittelalterlichen Darstellungen typisch. Stellt sich nur die Frage, ob sie auch biblisch sind.

 

Das Jüngste Gericht in der Spitalkapelle Ravensburg


Oben thront der Richter, Jesus Christus. Zu seiner Linken – vom Betrachter aus gesehen rechts –  findet sich Johannes der Täufer, zu seiner Rechten seine Mutter Maria. Weiter entfernt zu seiner Linken und Rechten finden sich die Apostel. Zu Füßen Jesu kündigen Engel mit Trompeten das Jüngste Gericht an. Unten gehen die Auferstanden entweder nach links in den Himmel oder nach rechts in die Hölle ein. In der Hölle müssen die Verdammten in den heißen Flammen schmoren.

Das Jüngste Gericht ist durchaus ein zentraler biblischer Gedanke. Es ist nur nicht klar, wer vor dem Gericht zu erscheinen hat. Alle Menschen, wie es das Matthäusevangelium (25,31-46) aussagt, oder nur die Bösen, wie es im Johannesevangelium (5,24-29) geschildert ist? Die Ravensburger Darstellung folgt dem Matthäusevangelium. Das Jüngste Gericht wird auch tatsächlich gemäß der Bibel (vgl. 1 Thess 4,16 u. a.) von Trompetenschall angekündigt, wobei die Engel nicht unbedingt als Trompetenbläser ausdrücklich genannt werden. Dass Jesus Christus der Richter sein wird, ist auch biblisch (vgl. 2 Kor 5,10 u. a.).

Die Personen, die sich zu beiden Seiten Jesu befinden, halten Fürbitte. Solche beim Jüngsten Gericht fürbittenden Heiligen sind weniger biblisch als mittelalterlich. Im Mittelalter ging man davon aus, dass die Heiligen deshalb zu wirkungsvoller Verteidigung der vor dem Gericht stehenden Menschen in der Lage sind, weil sie von ihrem Übermaß an Verdiensten denjenigen abgeben können, die es nicht zur Heiligkeit gebracht haben. Durch dieses Abgeben von Verdiensten haben die Menschen, die es nicht zur Heiligkeit gebracht haben, überhaupt nur die Möglichkeit, in den Himmel zu kommen. Dabei müssen sie allerdings gewöhnlich den Umweg über das Fegefeuer nehmen.

Die Hölle ist gemäß mittelalterlicher Vorstellung für diejenigen Menschen bestimmt, die schwere Sünden begangen haben. Auch die nicht-christlichen antiken Religionen kannten unwirtliche Totenreiche. Das mittelalterliche Höllenbild beruhte allerdings im Wesentlichen auf den beiden neutestamentlichen Totenreichen Hades und Gehenna. Beide Totenreiche werden mit Qualen in Verbindung gebracht, wobei die Qualen nicht weiter ausgeführt werden. Hat die Gehenna als finsterer Ort mit lodernden Flammen tatsächlich den Charakter einer qualvollen Hölle, so handelt es bei dem Hades nicht nur um einen Strafort, sondern auch um einen Aufenthaltsort aller Toten, der laut der Offenbarung des Johannes (20,13-15) letztendlich im Feuerpfuhl vernichtet wird. Die grausigen mittelalterlichen Ausschmückungen der Hölle wurden wohl von der vermutlich um 135 n. Chr. entstandenen, nicht-biblischen Apokalypse des Petrus entscheidend beeinflusst. Das Schreckliche scheint in den folgenden Jahrhunderten die Fantasie beflügelt zu haben.

Die verschiedenen mittelalterlichen Himmelsvorstellungen beruhten mindestens teilweise auf der Bibel (insbesondere Paradies, himmlisches Jerusalem und Abrahams Schoß). In der Ravensburger Gerichtsdarstellung bleibt die Vorstellung vom Himmel allerdings unklar. Deutlich ist allerdings Petrus zu erkennen, der mit seinem Schlüssel den Glücklichen den Weg zum Himmel öffnet. Dass Petrus den Schlüssel zum Himmelreich hat, geht aus dem Matthäusevangelium (16,19) hervor.

Ausführlich zur mittelalterlichen Vorstellung vom Jüngsten Gericht, von Himmel, Hölle, Fegefeuer, siehe

Matthias Dietrich, Himmel, Hölle, Fegefeuer, Karfunkel 91 (2010/11), 6-14

 

 

 

  2 Responses to “Mittelalterliche Darstellung des Jüngsten Gerichts – biblisch?”

  1. Dankeschön hilft mir bei meiner geschichtspräseentation. (Religion im Mittelalter)
    Mfg honest Chamzi

  2. Dieser Artikel hat mir sehr gefallen .
    Sonnige Grüße aus Mexico

    Gruß Honest Sancho

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