Jan 302012
 

Wenn man täglich die Tageszeitung liest, so könnte man denken, dass im ständigen Wirtschaftswachstum das Heil der Menschheit liege. Nur ständiges Wachstum erhalte den Wohlstand und mehre ihn. Da will nicht ins Bild passen, dass trotz der boomenden Wirtschaft ständig neue Schulden gemacht werden. Dass zwar die Geldmenge ständig steigt, aber ein Großteil der Menschheit in Armut lebt. Dass immer mehr Tierarten aussterben, Lebensräume zerstört werden und immer größere Landstriche zubetoniert werden. Eine Banken- und Wirtschaftskrise jagt inzwischen die andere und obwohl hier in Deutschland viele Menschen nicht mehr wissen, wohin mit den ganzen Sachen, wird ständig weiter der Konsum angeheizt. Immer mehr Menschen wird klar, dass es so nicht weitergehen kann. Sie machen sich auf die Suche nach Alternativen zu einer Wirtschaftsform, die auf Gier gründet. Bei dieser Suche kann die Bibel wertvolle Anregungen geben. Als besonders interessante Anregung möchte ich auf Dtn 22,6-7 hinweisen. Diese beiden Bibelverse zeigen einen wichtigen Aspekt nachhaltigen Wirtschaftens auf.

Die beiden Verse des alttestamentlichen Buches Deuteronomium (= fünftes Buch Mose) lauten wie folgt:

„Wenn ein Vogelnest deinem Angesicht auf dem Wege begegnet, auf irgendeinem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder Eiern, während die Mutter auf den Jungen oder auf den Eiern sitzt, dann sollst du [dir] nicht die Mutter auf den Jungen nehmen. Unbedingt fliegenlassen sollst du die Mutter, doch die Jungen kannst du dir nehmen, damit es dir gut gehe und du lange lebst.“

(22,6-7)

Beim Lesen dieser Verse bin ich zunächst darüber gestolpert, dass der Nestraub an sich nicht angeprangert wird. Was ist mit der Ehrfurcht vor der Schöpfung? Und warum werden die süßen Vogeljungen nicht geschützt? Haben sie etwa kein Recht auf Leben? Mir scheint die Antwort darin zu liegen, dass diese beiden Verse nicht dem modernen Umweltschutz- und auch nicht dem modernen Tierschutzgedanken entsprechen. Dass die Vogeljungen hilflos und „süß“ sind, spielt hier keine Rolle. Vielmehr erscheint als zulässig, dass der Mensch die Natur nutzt und sich von ihr ernährt. Im konkreten Fall dienen die Eier und Jungen der Vögel als Nahrung der Menschen. Eine beschränkte Gewalttätigkeit gegenüber den Tieren ist in den beiden Versen erlaubt. Wir haben es hier wohl mit einem Beispiel zutun, was man sich unter dem Herrschaftsauftrag der Menschen über die Tiere (vgl. Gen 1,28) vorzustellen hat. Dass die Gewalttätigkeit beschränkt ist, ist jedoch ein Gedanke von höchster Aktualität, denn sie zeigt den Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsform auf. Indem die Mutter unversehrt bleiben muss, bleibt die Quelle des Nachwuchses erhalten. So können nicht nur einmal Vögel und Eier verspeist werden, sondern dauerhaft. Vorauszusetzen ist natürlich, dass in der Gesamtheit auch immer eine ausreichende Zahl Jungvögel am Leben bleibt, weil die Eltern irgendwann sterben und der Nachwuchs an ihre Stelle treten muss. Dieser Aspekt nachhaltiger Nutzung von Tieren wird gegenwärtig in der Fischerei deutlich, auf die sich Dtn 22,6-7 übertragen lässt.

Eine von Gier getriebene Fischerei, wie sie leider noch viel zu oft betrieben wird, führt zu einem ständigen Rückgang der Fischbestände. Damit werden nicht nur die Fischarten in ihrem Bestand gefährdet, sondern darüber hinaus berauben sich die Menschen selbst einer Nahrungsquelle. Kurzfristiger, höchstmöglicher Gewinn nutzt nur wenigen Menschen und diesen auch nur begrenzte Zeit. Viele Menschen haben nichts von den natürlichen Ressourcen., ihnen werden vielmehr die Lebensgrundlagen geraubt. Bei Überfischung sinkt langfristig für alle Fischer der Verdienst und es bleiben sowohl den Menschen als auch Meerestieren immer weniger Fische zum Verzehr. Eine Fischerei, die mit riesigen Schleppnetzen die Meere leerfischt, den Meeresgrund aufreißt und als Lebenswelt zerstört und zugleich nicht verwertbaren Beifang verletzt oder tot wieder ins Meer zurück wirft, hat keine Zukunft. Zukunft hat nur eine Fischerei, die die Lebensgrundlagen für Mensch und Tier dauerhaft erhält. Nur solch eine Wirtschaftsweise ist nachhaltig. Einer solchen verantwortungsbewussten Wirtschaftsweise dienen Meeresschutzgebiete. Diese Meeresschutzgebiete dienen den Fischen als „Kinderstube“, in denen die Mutterfische in Ruhe laichen und die Jungfische ungestört aufwachsen können. Auch wenn die Fische außerhalb der Schutzgebiete gefangen werden dürfen, bleibt doch immer – wie in Dtn 22,6-7 – die Quelle des Nachwuchses erhalten.

Fische

wikimedia commons / maniacduhockey

Diesen Gedanken hatte auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace im Kopf, als sie gleich ein ganzes Netzwerk an Meeresschutzgebieten im Mittelmeer vorgeschlagen hat.

Ein Wikipedia-Artikel listet die Meeresschutzgebiete der ganzen Welt auf.

Vom letzten Jahr ist die Meldung, dass Australien mit dem Great Barrier Reef das größte Meeresschutzgebiet der Welt schaffen will. Dabei ist allerdings umstritten, ob die vorgesehenen Schutzmaßnahmen ausreichend sind. Derzeit ist der Chagos-Archipel, der den letzten Rest des Britischen Territoriums im Indischen Ozean darstellt, das größte Meeresschutzgebiet. Rund um diesen Archipel ist seit 2010 der kommerzielle Fischfang verboten.

 

 

  One Response to “Dtn 22,6-7: ein Plädoyer für nachhaltige Wirtschaft”

  1. DANKE für diesen Beitrag, da spricht jemand sehr sehr weise und richtig…gut dass es Menschen gibt, die die Dinge beim Namen nennen!
    Guten und gesegneten Sonntag!!

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