Jan 092022
 

Der Zweite Thessalonicherbrief erscheint auf den Blick als nicht besonders erwähnenswert. Zunächst einmal scheint er dem Ersten Thessalonicherbrief ähnlich zu sein, mit der Ausnahme, dass er dessen Naherwartung kritisiert und als unpaulinisch darstellt. Befasst man sich genauer mit ihm, dann bietet er jedoch interessante Einsichten in die Theologie in den Fußspuren des Apostels Paulus.

Der Zweite Thessalonicherbrief ahmt einen echten Paulusbrief nach

Der Verfasser (oder: die Verfasser) des Zweiten Thessalonicherbriefes lässt den Zweiten Thessalonicherbrief als einen echten Paulusbrief erscheinen. Liest man den Brief jedoch genau, dann fallen einige Ungereimtheiten auf, die nahelegen, dass nicht Paulus selbst der Verfasser des Zweiten Thessalonicherbriefes ist, sondern einer (oder mehrere) seiner „Schüler“. Wir haben es also vermutlich mit einem sogenannten deuteropaulinischen Brief zu tun. Dem Verfasser gelingt es jedoch, den Brief so erscheinen zu lassen, als sei er tatsächlich von Paulus selbst geschrieben. Für die Beobachtungen in „Welt der Bibel“ birgt das eine Schwierigkeit: Weil nicht sicher ist, dass der Zweite Thessalonicherbrief von einem „Schüler“ des Paulus stammt, muss stets auch die Möglichkeit bedacht werden, dass der Brief doch aus der Feder des Paulus stammt. Die Schlussfolgerungen für die Auslegung sind dann andere. Diese Doppelspurigkeit bei den Beobachtungen erhöht natürlich ihre Komplexität. Der Schwerpunkt wurde bei den Beobachtungen aber auf der Annahme gelegt, dass es sich um einen deuteropaulinischen Brief handelt.

Das Bemühen um Einheit und Stabilität der Kirche in der Bedrängnis

Bemerkenswert ist der gebietende Tonfall des Zweiten Thessalonicherbriefes. Auch die gemeinhin für echt gehaltenen paulinischen Briefe enthalten gebietende Passagen. Der Zweite Thessalonicherbrief ist jedoch ist seinem gesamten Tonfall gebietender Art. Ihm ist Anspannung anzumerken: Anspannung angesichts zunehmender Bedrängnis christlicher Gemeinden seitens der nichtchristlichen (vermutlich in erster Linie heidnischer) Zeitgenossen. In dieser Bedrängnis gilt es, die Einheit und Stabilität der christlichen Gemeinden zu wahren. So malt der Verfasser ein Bild in klarem Schwarz und klarem Weiß. Grautöne kommen fast nicht vor. Schwarz sind die als finster dargestellten Heiden, weiß die als licht dargestellten Christen. Zwischen diesen beiden Gruppen zieht der Verfasser eine deutliche Grenze. Darüber hinaus fordert er die Vermeidung des Kontaktes mit der anderen Seite. Die Christen sollen fest in ihrem Glauben stehen, den Bedrängnissen widerstehen und sich nicht von den Heiden oder „ungehorsamen“ Christen auf Abwege bringen lassen. Dies ist ein Szenario der späteren, nachpaulinischen Zeit. Der Gesamtcharakter der Zweiten Thessalonicherbriefes ist dogmatisch und wenig persönlich. Die vielen Fragen und Schwierigkeiten der Mission des Paulus und seiner Mitarbeiter kommen viel weniger und auch viel weniger persönlich und emotional-sprunghaft in den Blick als in den gemeinhin für paulinisch gehaltenen Briefen.

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